Aufruf von AniCA

Mit diesem Text möchten wir euch unsere politische Analyse darlegen, die unsere Ausgangslage für die Koordination dieser Konferenz bildet. Sie beinhaltet bewusst noch keine strategischen Überlegungen, welche konkreten Schritte notwendig sind, um Tierproduktion und den Kapitalismus insgesamt überwinden zu können.

Tierproduktion

Die BRD verdankt ihren relativen Wohlstand einem auf Export getrimmten Wirtschaftsmodell. Seit Jahren beruht das permanente Wachstum der hiesigen Wirtschaft auf dem Überwiegen der Exporte über den Importen und geht damit auf Kosten anderer Länder. Die Folge ist ein brutaler Kampf um Absatzmärkte in vielen Teilen der Welt. Mit diesem Modell hat sich Deutschland einen Platz in den obersten Reihen der mächtigsten Länder der Welt gesichert. Man kann sagen dieses Land ist so mächtig wie es mit zwei angezettelten Weltkriegen nie geworden ist.

Dieses Modell findet sich auch in der Landwirtschaft und insbesondere in der Fleischproduktion wieder. Deutschland ist der drittgrößte Fleischexporteur weltweit und der größte in Europa. Traditionell große Fleischexporteure sind riesige Flächenländer wie Argentinien, Brasilien oder die USA. Deutschland ist die große Ausnahme in dieser Liste (siehe auch Link). Die heimische Fleischindustrie kann aus zwei Gründen den eigentlich überlegenen Standorten in den Flächenländern Konkurrenz machen: hohe Konzentration der Betriebe und extreme Ausbeutung der darin arbeitenden Menschen.

In mehreren Publikationen wird „Deutschland das Schlachthaus Europas“ genannt. Die deutschen Fleischriesen wie Tönnies, Westfleisch und die PHW-Gruppe (Marke Wiesenhof) scheffeln jährlich Milliarden und verzeichnen Wachstumsraten, obwohl die Nachfrage hierzulande bereits gesättigt ist und seit den letzten Jahren sogar leicht zurückgeht. Zahlreiche Lobbyverbände wie der deutsche Bauernverband vertreten die Interessen der großen Player und verschaffen sich Einfluss bis ins EU-Parlament. Zu den Verliererinnen gehören viele Landwirtinnen, die dem Konkurrenzdruck nicht standhalten können und sich bis ins Unendliche verschulden und ihre Höfe aufgeben müssen.

Klimawandel

Die globale Landwirtschaft ist für ein Fünftel bis ein Drittel der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich (siehe auch Link). Die Tierproduktion ist für den größten Teil der Auswirkungen verantwortlich, was angesichts der Tatsache, dass sie über 80% der globalen landwirtschaftlichen Flächen beansprucht, offensichtlich ist (siehe auch Link). Durch Auswirkungen auf weitere planetare Grenzen wie etwa die Landnutzung und die Biodiversität führt die Tierproduktion auch dazu, dass die Folgen des Klimawandels immer schwerer abzufedern sind. Gleichzeitig trägt sie dazu bei, dass durch Rodung von Wäldern und das Trockenlegen von Sümpfen – was überwiegend für den Anbau von Futtermitteln und für die Schaffung von Weideflächen passiert – weniger CO2 auf der Erde gespeichert werden kann. Ohne eine Abkehr von der Tierproduktion, wie sie heute gängig ist, wird Klimagerechtigkeit nicht möglich sein.

Gleichzeitig findet die Tierproduktion im Pariser Klimaabkommen sowie in den staatlichen Klimaschutzplänen, die sowieso unzureichende Maßnahmen vorsehen, kaum Beachtung. Um wirksamen Klimaschutz umzusetzen, müssen auch hinsichtlich Tierproduktion notwendige Maßnahmen ergriffen werden. Um die Folgen des Klimawandels auf ein möglichst verträgliches Maß zu begrenzen, muss die Tierproduktion mindestens stark reduziert werden.

Tierausbeutung

Für die profitgetriebene und auf anhaltendes Wachstum ausgerichtete Tierproduktion werden Tiere auf immer engerem Raum gehalten. Um selbst die wenigen Wochen der Mast durchzustehen, werden sie oftmals mit einer großen Menge an Medikamenten gefüttert. Um immer schwerer zu werden, um mehr Eier zu legen oder um mehr Milch zu geben, werden sie einseitig für diese Kriterien gezüchtet.

Das Schlachthaus steht wie kaum ein anderer Ort für das arbeitsteilige, technisch optimierte und versachlichte Töten von Tieren und ist somit Sinnbild einer Gesellschaft, in der die Natur und das Leben überhaupt keinen Selbstzweck besitzt, sondern der Nützlichkeit für das Kapital untergeordnet wird.

Die wiederkehrenden Versprechen einer artgerechten Haltung und eines humanen Schlachtens können nicht gehalten werden und kaschieren lediglich das Elend, welches auch in Betrieben mit Biosiegel und Tierwohllabel vorherrschen. Immer wieder wird uns von den Abgeordneten fast aller Parteien gesagt, dass es die aufgedeckten Skandale wie das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln, das Kupieren der Schwänze und das Beschneiden von Schnäbeln bald nicht mehr geben wird. Immer wieder wird das Wort nicht gehalten und an das Ende der Tagesordnung geschoben. Die wenigen und mangelhaften Regeln zum Schutz der Tiere, die es gibt, werden systematisch schlecht kontrolliert und immer wieder umgangen.

Umweltzerstörung

Auch auf weitere Umweltaspekte hat Tierproduktion vielfältige negative Auswirkungen.
Der Anbau von Futtermitteln erfolgt oft in Monokulturen und unter zum Teil massivem Einsatz von genmanipulierten Saaten und Pestiziden. Auch hinsichtlich des Wasserverbrauchs stellt die Tierproduktion eine krasse Verschwendung dar. Durch die enormen Ausmaße der Tierproduktion entstehen ebenso enorme Mengen an Gülle – insbesondere die Nitratverbindungen in der Gülle beeinträchtigen Luft, Wälder, Böden und Grundwasser stark. Das Ökosystem kann an vielen Orten die gigantischen Mengen an Gülle nicht mehr aufnehmen. Der Großteil der vom Aussterben bedrohter Pflanzenarten auf der „Roten Liste“ gehen auf zu hohe Nährstoffeinträge zurück (siehe auch Link). In der BRD werden die von der EU festgelegten Grenzwerte schon seit Jahren überschritten. Doch auch weltweit werden für die Tierproduktion wertvolle Wälder und andere Ökosysteme wie Moore vernichtet. Für Anwohner*innen von Tierproduktionsstätten sind insbesondere der Gestank sowie das hohe Verkehrsaufkommen alltägliche Begleiterscheinungen.

Miserable Arbeitsbedingungen

Die Kolleginnen in den deutschen Schlachthäusern sind extremer Ausbeutung ausgesetzt. Der Norddeutsche Rundfunk prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der „modernen Sklaverei“. Um die ohnehin schon völlig unzureichenden Arbeitsrechte für Festangestellte zu umgehen, setzen die Fleischfirmen zusätzlich auf Werkverträge. Ein großer Teil der Belegschaft kommt aus Ländern wie Polen, Rumänien und Bulgarien – und wird nicht nach Zeit, sondern nach Leistung bezahlt. Geworben werden sie mit dubiosen Versprechen von Strukturen, die tief in die Schattenwirtschaft des Menschenhandels verstrickt sind. Sie müssen immense Summen für Fahrten, Unterkunft und Werkzeug zahlen. Bei längeren Erkrankungen und Beschwerden müssen sie mit Kündigungen rechnen. Auch von Morddrohungen ist die Rede. Umfangreiche Recherchen von Journalistinnen belegen diese Zustände immer wieder aufs Neue. Immer wieder fordern Gewerkschafterinnen und Politikerinnen, dass die Konzerne Verantwortung übernehmen und diese Verhältnisse verändern. Doch für die Betroffenen ändert sich so gut wie nichts.

Auf den Feldern und in den Tierhaltungsbetrieben arbeiten die Landwirtinnen hart, eine 60-Stunden-Woche und kein freies Wochenende ist hier Normalität. Nur wenige schaffen es, sich dem Konkurrenzdruck des Weltmarktes anzupassen, die meisten müssen sich verschulden und gehen Konkurs. Die Genossenschaften, die vor allem die Milchindustrie bestimmen, bieten keine Alternative, auch hier werden die Preise vom Einzelhandel bestimmt und die Bäuerinnen befinden sich in einer zusätzlichen Abhängigkeit.

Landgrabbing

Im Globalen Süden werden viele vormals relativ nachhaltig wirtschaftende Kleinbäuer*innen durch die aggressive Expansion der Produzenten von Futtermitteln ihrer Lebensgrundlage beraubt, vor allem Kinder leiden unter den giftigen Pestiziden; Protest und Widerstand wird mit Gewalt durch Polizei und Paramillitär beantwortet.

Im Globalen Süden werden viele vormals relativ nachhaltig wirtschaftende Kleinbäuer*innen durch die aggressive Expansion der Produzenten von Futtermitteln ihrer Lebensgrundlage beraubt, vor allem Kinder leiden unter den giftigen Pestiziden; Protest und Widerstand wird mit Gewalt durch Polizei und Paramillitär beantwortet.

Der Landraub oder die Landnahme beschreibt großflächige Käufe hauptsächlich von privaten aber auch von staatlichen Investoren und Agrarkonzernen. Die Flächen werden überwiegend für die Herstellung von Agrarrohstoffen genutzt. Der Agrarbericht berichtet darüber, dass „die internationalen Investoren ebenso wie die staatlichen, halbstaatlichen oder privaten Verkäufer oft in Grauzonen des Rechts und in einem Niemandsland zwischen traditionellen Landrechten und modernen Eigentumsverhältnissen“ (siehe auch Link) agieren.

Landgrabbing ist ein wichtiger Bestandteil einer neokolonialen und neoliberalen Weltordnung, in der Kapitalanleger nicht nur mit Immobilien, sondern auch mit Land spekulieren; in der für den eigenen Bedarf wirtschaftende Bäuer*innen von ihren Flächen verdrängt und in Armut und zur Flucht gezwungen werden; und in der sich wenige Grundbesitzer die Landwirtschaftsflächen der Welt unter sich aufteilen – nicht um Menschen zu ernähren, sondern um Profite zu erwirtschaften. So werden die angeeigneten Flächen in den wenigsten Fällen zur direkten Produktion von Lebensmitteln genutzt, sondern überwiegend zum Anbau von Energiepflanzen oder Futtermittel.

Gentechnik

Große Chemie- und Saatgutkonzerne wie Bayer und BASF behaupten, mit gentechnisch verändertem Saatgut den Welthunger zu stillen. Sie geben also vor, ein Problem zu bekämpfen, welches sie selbst mitzuverantworten haben. In Wirklichkeit festigen sie mit Hilfe der patentierten Pflanzen ihr Saatgutmonopol und zwingen Landwirt*innen dazu, jedes Jahr aufs Neue ihr Saatgut und ihre Pestizide zu kaufen. Umstritten und wenig erforscht sind die gesundheitlichen Folgen für Menschen und Tiere, die gentechnisch veränderte Pflanzen essen.

Nach einem beeindruckenden Widerstand von Bäuerinnen und anderen Aktivistinnen Ende der 2000er-Jahre verschwanden die Genfelder vollends aus Deutschland und anderen Ländern Europas. Aufgrund von Futtermittelimporten aus anderen Teilen der Welt sind sie jedoch fester Bestandteil der Nahrung von vielen sogenannten Nutztieren. Somit landen sie auch auf den Tellern von Menschen, die ihre Eier, ihre Milch und ihr Fleisch zu sich nehmen.

Kapitalismus

Die Tierproduktion ist nur ein Symptom eines insgesamt ungerechten und destruktiven Systems, in welchem Leben und Freiheit von Menschen und anderen Tieren Profit- und Machtinteressen der Herrschenden untergeordnet werden. Tierproduktion ist damit nicht in erster Linie ein ideologisches Problem, sondern hat eine materielle Basis und existiert in der gegebenen Form, weil es wenigen Menschen möglich ist, sehr viel Land zu besitzen, Tiere ihr Eigentum zu nennen und Menschen für sich arbeiten zu lassen.

Die gegenwärtige Wirtschaftsform dient nicht der Befriedigung von Bedürfnissen – obwohl genug für alle da ist, stellt sie nicht einmal das Überleben aller Menschen sicher und gefährdet sogar die Existenz des gesamten Lebens auf dieser Erde. Stattdessen dient sie in erster Linie der Profitmaximierung von Konzernen. Gleichzeitig ist die Wirtschaft zu dieser Profitmaximierung gezwungen und muss durch Konkurrenzdruck immer weiter wachsen, was immer auch mit dem Verbrauch von Ressourcen verbunden ist. Auf einem endlichen Planeten stößt ein solches unendliches Wachstum auf unauflösbare Widersprüche und hat ökologische und humanitäre Katastrophen zur Folge.

In diesem Sinne verstehen wir die Aktionskonferenz als klar antikapitalistisch. Anstatt an die Regierung und an das individuelle Konsumverhalten der Menschen zu appellieren, wollen wir dahingehen, wo es der Tierindustrie am meisten wehtut: dorthin, wo das Kapital entsteht und die Profite generiert werden.